Ausstellung

Ilse Aichinger: Rätsel und Sprung

05.09.2023 - 14.10.2023 ; Bozen, Waltherhaus

Kuratiert von Christine Frank

Das Südtiroler Kulturinstitut eröffnet am Dienstag, 5. September um 18 Uhr im Waltherhaus in Bozen die von Christine Frank kuratierte und von Peter Karlhuber gestaltete Literaturausstellung „Ilse Aichinger: Rätsel und Sprung“.

Die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger hat ein schmales, aber bedeutendes Werk hinterlassen. In der Ausstellung werden ihre Biografie und ihr Werk thematisiert. Sie setzt sich aus einem bereits im Stifter Haus in Linz gezeigten Teil zu Aichingers Jugendzeit in Linz und einem neuen Teil mit Aichingers literarischem Werdegang zusammen. 

Die Zwillinge Ilse und Helga Aichinger kamen am 1. November 1921 in Wien zur Welt, wuchsen in gutbürgerlichem Haus in Linz auf: der Vater Lehrer und Schriftsteller, die Mutter Ärztin. Nach der Trennung der Eltern 1927 kamen die Mädchen mit der Mutter nach Wien. In der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus verlor die jüdische Mutter ihre Anstellung als Schulärztin, die Mädchen wurden als „Juden“ denunziert und schikaniert. Während Helga 1939 noch mit einem der letzten Kindertransporte allein nach England gebracht werden konnte, blieb Ilse mit ihrer Mutter in Wien zurück, zum Arbeitsdienst zwangsverpflichtet. Im Mai 1942 wurde ihre jüdische Verwandtschaft, die Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter, nach Belarus deportiert und dort ermordet. All dies bildet den Ausgangspunkt und Bezugspunkt für das Schreiben von Ilse Aichinger. Schon bald nach Kriegsende veröffentlichte sie erste Texte, ihr autobiografischer Roman „Die größere Hoffnung“ erschien 1948. Ellen, die junge Heldin des Romans, halb noch Kind, halb schon Erwachsene, „wußte, daß sie bald springen würde. Es war alles ein einziger Anlauf gewesen.“ In ihrem letzten Sprung gehorcht sie ganz ihrem Mut und ihrer „größeren Hoffnung“, findet darin aber auch den Tod.
Rätselhaftes ereignet sich in der Erzählung „Wo ich wohne“ (1963), in der die Erzählerin beim Nachhausekommen feststellt, dass ihre Wohnung allmählich von Stockwerk zu Stockwerk hinabrutscht und schließlich in den Untergrund sinkt, ohne dass die übrigen Hausbewohner etwas davon zu bemerken scheinen. In den folgenden Jahren experimentiert die Autorin dann mit dramatischen Formen. Sie schreibt nicht nur für den Rundfunk wie zum Beispiel das Hörspiel „Knöpfe“ (1953), in dem junge Arbeiterinnen in einer Knopffabrik plötzlich verschwinden und als Knöpfe wieder auftauchen. 
Einige ihrer Prosaerzählungen sind Schulbuchklassiker geworden: „Der Gefesselte“ (1953), „Die geöffnete Order“ (1978) oder „Die Spiegelgeschichte“ (1949), für die Ilse Aichinger 1952 mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet wurde.

Bis in ihr hohes Alter hinein – sie starb 2016 in Wien – war Ilse Aichinger eine der wichtigsten Stimmen der österreichischen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. In ihren letzten Lebensjahren hat die Autorin, eine begeisterte Kinogängerin, die gerne ihre Tage schreibend im Caféhaus verbrachte, viele ihrer frühen Erinnerungen im Spiegel von tagesaktuellen Ereignissen neu reflektiert und mit „Film und Verhängnis“ (2001) eines der großen Erinnerungsbücher ihrer Generation verfasst. Für ihr Gesamtwerk wurde Ilse Aichinger vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1995).

Führungen für Schulklassen auf Anfrage vormittags: Tel. 0471/313800, E-Mail: landesinstitut@kulturinstitut.org

Ort: Haus der Kultur – Waltherhaus, Schlernstraße 1, Bozen
Eröffnung: Dienstag, 5. September, 18 Uhr
Begrüßung: Hans-Christoph von Hohenbühel, Vorsitzender des Südtiroler Kulturinstitutes
Einleitende Worte: Christine Frank, Kuratorin der Ausstellung
Eröffnung: Landesrat Philipp Achammer

Öffnungszeiten: 6. September bis 14. Oktober 2023, Mo.-Fr. 15–18 Uhr und Sa. 10–12 Uhr frei zugänglich.
 



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